Über Foren und ihre Moderatoren

Was war der häufigste Satz, den ich in den letzten sieben Jahren gehört habe, wenn ich jemandem aus dem oly-Forum getroffen habe? "Ich frage mich, wie Du das aushältst".

Foren.

Das ist im Endeffekt die digitale Entsprechung eines Stammtisches. Und wenn der Stammtisch größer wird, dann wird es ein Verein - und wenn er richtig groß wird, übernehmen die Politiker und Karrieristen den Laden.
Und wie in jedem Verein gibt es ein paar Leute, die die Arbeit machen, einen Haufen Leute, die nur Beiträge zahlen und ab und zu in der Vereinswirtschaft ein billiges Bier trinken - und ein paar Leute mit Geltungsdrang. Oft gibt es einen alten Vorstand, der die Nerver in der Sitzung dann zusammenpfeift. Irgendwann wird dann der Verein "professionalisiert", der alte Vorstand wird in Pension geschickt, er kriegt ne Ehrennadel und die vorherigen "Nerver" übernehmen den Laden. Das ehrenamtliche Engagement geht in den Keller, denn jetzt gibt es Vergütungen und Aufwandentschädigungen und der Verein bekommt Nachwuchssorgen und stellt deshalb eine eigene Jugendabteilung auf.
Parkinsons Gesetz halt.

Ich habe jahrelang Jahreshauptversammlungen von allen nur denkbaren Vereinen besucht. Und überall stößt man auf die gleichen Strukturen und die gleichen Typen. In Foren ist es nicht anders.

Man kann sich über die Vereinsmeierei, Stammtische und Forenkultur natürlich trefflich mokieren. Oder, und zwar mit Recht, gründlich aufregen.

Man kann's aber auch bleiben lassen.


In Foren und an Stammtischen sind die Chef im Ring, die ihren Standpunkt am lautesten und beharrlichsten vertreten. Hin und wieder kommt es vor, dass der lokale Silberrücken auch weiß, wovon er redet und tatsächlich Kompetenz nicht nur simuliert. Das ist aber eher selten und - siehe oben - spätestens wenn der Verein professionalisiert wird, ist der Silberrücken nur noch im Zoo zu besichtigen.

Ich habe in meiner Zeit als Mod im oly-forum gelegentlich in alle möglichen Foren und Facebook-Gruppen reingeschaut, weil das in meinem Vertrag mit Olympus so vorgesehen war. Es sind nicht nur überall die gleichen Typen - sondern tatsächlich dieselben. Und das Silberrückensyndrom ist universell - der Forumsplatzhirsch ist der Hüter der Wahrheit - und wehe jemand anders wagt eine Wahrheit zu verbreiten.
Wirklich verblüffend für mich war die Tatsache, dass das sogar in "meinem" Forum so war. Wenn ich als Reinhard Wagner eine "Wahrheit" verkündete, wurde diese akzeptiert. Wurde genau die gleiche Wahrheit von jemand anderem verkündet, wurde er angegriffen. Von Leuten, die ich persönlich kannte und die ich eigentlich für zurechnungsfähig hielt.

Die Folge daraus ist - Kompetenz in Foren hängt unmittelbar am Platzhirsch. Ist der ein Tiefflieger, ist das gesamte Forum kurz oberhalb der Grasnarbe unterwegs. Selbst kompetente Leute können vielleicht ihr Wissen mitteilen, aber sie werden nicht ernst genommen.

Großes Problem dabei ist, dass ein Einsteiger nicht erkennt, ob sich im Forum nun die Trottel die Klinke in die Hand geben, oder ob er auf eines der raren Foren gestoßen ist, in denen noch die guten Leute die Lufthoheit haben. Denn alle Fraktionen können ungeheuer überzeugend wirken und keiner ist um rhetorische Tricks verlegen, den jeweiligen Diskussionsgegner wie einen - ganz schlimm - "Fanboy" aussehen zu lassen.


Ist also die Warnung vor Foren berechtigt? Ja. Forenratschläge können teuer werden. Sehr teuer. Im Bereich Kameras ist das meist verschmerzbar, im Bereich Hausbau kann es die Existenz kosten, im Autobereich das Leben.

Wirklich frustrierend ist aber, dass man eben auch im RealLife keine anderen Leute findet - als eben auch in Foren. Ob man im Forum fragt, oder beim Mediamarkt um die Ecke - die Antwort wird mit fast absoluter Sicherheit, sagen wir "verbesserungsfähig" sein.

Wo gibt's dann zuverlässige Informationen?

Werbeblock Anfang "In meinen Büchern und in meinen Kursen und meistens bei oly-e.de". Werbebelock Ende

Fast überall. Man muss nur wissen, was in dem ganzen Wust an Informationen stimmt, und was einfach nur ungesundes Halbwissen oder Vorurteil oder bewusste Falschinformation ist. Und weil das eben erst dann zuverlässig zu entscheiden ist, wenn man die Information eigentlich nicht mehr braucht, ist so ein Forum per se als Informationsquelle für einen Anfänger eigentlich kaum brauchbar.

Einzige Ausnahme: da ist irgendwo ein Silberrücken, der auf Qualität achtet. Weil er selbst eine Ahnung von der Sache hat.

Anstatt sich über die dummen Forenten aufzuregen, sollten sich also am besten die Silberrücken zusammentun und ein Forum aufmachen, in dem die Forenten was lernen - und Dampfplauderer rücksichtslos gekickt werden.

Nur wäre das eben kein Stammtisch mehr - sondern eine Universität. Und es gibt halt Leute, die gehen lieber auf den Stammtisch. Wegen des Bieres, des Schweinebratens und der strammen Wirtin - und weil dort ein akuter Mangel an Universitätsdozenten herrscht.



Kommentare

  1. Mmmmh, bin noch nachdenklich ... aber, immer wieder dasselbe Forums-Problem: Nur weil einige bis jetzt Glück hatten verkaufen sie ihre Ignoranz als Wahrheit. Um etwas zu verändern brauchen wir mehr Bessermacher und weniger Besserwisser.

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    1. Das Problem ist das Belohnungssystem für Bessermacher. Wie kann ich die Bessermacher davor schützen, dass sie von den Besserwissern genervt werden und ihnen die verdiente Anerkennung zukommen lassen? Ein Bessermacher hat es nicht nötig, sich in Foren ins Getümmel zu werfen und alle drei Monate wieder und wieder Grundlagen zu erklären, die eigentlich Schulstoff sind. Schon gleich gar nicht gratis. Und dann muss der Forumsleiter ja auch noch die Kompetenz haben, Bessermacher von Besserwissern zu unterscheiden. Wenn da irgendjemand was praktikables einfällt - her damit.

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  2. Schöner Artikel! Eigentlich ist jedes Forum ab Gründung dem Untergang geweiht. Ist das Forum schlecht, wird niemand kommen wollen. Herrscht eine hohe Wissensqualität vor, werden immer mehr Forenten in das Forum wollen, um daran teilzuhaben. Mit Zunahme der Mitglieder nimmt leider die Wissenqualität des Forums ab und die Eitelkeit zu. Die Wissenträger langweilen sich und gründen ein neues Forum. Der Spaß beginnt von vorne. Closed User Groups sind irgendwie auch keine Lösung, da man dann vor lauter Selbstbeweihräucherung irgendwann im eigen Saft schmort und sich auf den Geist geht, weil alles schon mal irgendwo gesagt wurde.

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    1. Im Prinzip hast Du natürlich recht, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade auch bei den guten Fotografen das Bedürfnis existiert, sich weiterentwickeln zu wollen. Und das geht eben nur, wenn man Feedback von Leuten kommt, die vor dem gleichen Problem stehen. Natürlich wird oben die Luft immer dünner, aber es gibt sicher gute Fotografen, die eben aus den von Dir genannten Gründen nicht in Foren sind - aber trotzdem an einer Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten interessiert sind. Und es ist ja nicht so, dass man keine Fragen mehr hat, wenn man die "normalen Fragen" alle schon selbst beantwortet hat. Man hat dann andere Fragen. Man schraubt dann an einem Bild herum und überlegt sich, warum dieses Bild nicht so funktioniert, wie man das will. Damit brauch ich nicht in ein normales Forum gehen, weil da Erfahrungen in Psychologie, Bildaufbau, Lichttechnik und Farbe nötig sind. Da wäre dann ein Forum nett, in dem Fotografenüberhaupt verstehen, vor welchem Problem ich stehe.

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    2. Das bedarf aber viel Vertrauen, wenig Eitelkeit und eine gehörige Portion Kritikfähigkeit ohne sofort beleidigt zu sein. Und ein möglichst gleich hohes Niveau der Fotografen.

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    3. Ich habe ja ab und zu mal in Rocksdorf ein paar Leute da, mit denen ich fotografiere und Bilder denke. Und das klappt eigentlich ganz gut - denn auf dem Niveau ist Bildkritik meistens konstruktiv. "Voll kack, das Pic ey" kommt da eher nicht, sondern "versuchen wir es mal mit der Softbox ein paar Zentimeter höher". Und wer da beleidigt ist, der hat was Grundsätzliches nicht verstanden.

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  3. und nur so geht das heute noch: direkter Austausch mit Leuten die ein Problem verstehen und ohne Eitelkeit ihr Wissen und Können beisteuern.

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  4. Magst Du uns verraten, wie das Oly Forum aktuell einzuschätzen ist?

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    1. Hallo Thomas, ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich schaue einmal die Woche kurz rein, ob irgendein technisches Thema aufpoppt, das mich als Fachautor interessiert, aber ansonsten bin ich da nicht mehr. Heute habe ich einen Thread von Gotti gesehen, der sah nicht gut aus. Für meinen Geschmack zu viel Hickhack unter den Forenten. Ich habe seinerzeit das Feindbild gegeben, dadurch hatten die Forenten untereinander kaum Anlass sich zu bekriegen (sie waren ja damit beschäftigt, mich zu bekämpfen.) . Das scheint jetzt anders zu werden, aber ich kann mich da irren, weil ich ja - siehe oben - kaum noch reinkucke.

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  5. Über Foren bleibt nur eines zu sagen: https://www.youtube.com/watch?v=-MIRUcon19U
    Reinhard ich wünsche Dir ein schönes Osterfest!

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  6. Wirklich ein sehr treffender Artikel, lieber* Reinhard (*das ist keine Floskel, das empfinde ich wirklich so!).
    Ich selbst betrachte mich wirklich nicht als Fotograf, nicht mal als ambitionierter Amateur. Ich freue mich über pfiffige Foto-Technik in einem - meinem Alter angemessenen - Retro-Design und knippse gerne das eine oder andere, was mir vor die Linse kommt. Trotzdem habe ich ungefähr 12 Monate sehr intensiv in "Deinem" Oly-Forum von Frühjahr 2013 bis April 2014 gelesen, bevor ich mich für meine E-M 10 entschieden hatte - mit dem 14-42er ED-Pancake-Standard-Glas. Ja, da waren SEHR viele - für mich auch als solche zumindest "erspürbare" Kompetenz-Beiträge von Dir - aber auch viele tolle Anregungen von anderen Forenten. Das Oly-Forum empfand ich damals wie eine große Familie, in der sich Menschen wohlgesonnen und wohlmeinend miteinander und über ihre Erfahrungen austauschten (ich selbst war lange nur passiver Mit-Leser, weil noch nicht im Besitz einer OM-D oder PEN oder E....). Dennoch habe ich damals wahnsinnig viel profitiert. Ich konnte mich z.B. ganz lange nicht entscheiden, ob ich mein "Einsteiger"-OM-D-Schätzchen in Schwarz oder in Silber bestellen soll. Habe unzählige Beiträge dazu im Oly-Forum gelesen - und für beide Varianten gibt es ja ganz überzeugende Pros und Cons. Bis ein Forent darüber schrieb, dass die Leute, wenn er mit der silbernen Retro-OM-D fotografiert, so amüsiert oder entzückt über das niedliche Gehäuse wären, dass sie viel freundlicher in die Linse schauen - und weniger dagegen hätten, von ihm abgelichtet zu werden. DAS war mein Argument. Und ist es bis heute geblieben. Ein echter Volltreffer an Inspiration.
    Also: Ja, ein kompetenter Moderator - der sich ausserdem auch noch durchzusetzen weiß - ist sicher eine ganz starke Bank für ein Forum - war es zumindest beim Oly-Forum unter Deiner Leitung. Aber dieser Spirit, den Du damals so bravourös durch Fleiß, Beharrlichkeit und ungeheueren Sachverstand (auf Deiner künstlerisch-technisch-handwerklichen Erfahrung UND auf Deinen guten Connections zu Olympus aufbauend) dort verbreitet hattest, hat sich m.E. auf das ganze Forum ausgebreitet (Ausnahmen gibt es natürlich immer....).
    Den Unterschied konnte man ja geradezu im Stundentakt erleben nach dem Wechsel.
    Jetzt erscheint mir das Oly-Forum wie ein ganz gewöhnliches Markenforum - ohne Spirit und Inspiration. Schade - aber so ist das wohl in der Welt. Bei Apple ist mit Steve Jobs auch der Spirit verloren gegangen. Schön, dass ich damals gerade noch "rechtzeitig" dazu gekommen bin, um den alten, Deinen Spirit dort zu erleben - und davon profitieren zu dürfen.
    Und schön, dass Du diesen hier und bei Oly-e noch weiter in die Welt trägst.
    Dir und den anderen Inspirierten wünsche ich aus Baden-Baden FROHE OSTERN.

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